Das Schachmuseum Moskau und seine Geheimnisse – Gastbeitrag von Frank Bicker (VSC Plauen)

Das Schachmuseum auf dem Gogolevsky Boulevard 14, unweit der Metrostation Kropotkinskaja in Moskau ist ein Anziehungspunkt nicht nur für Schachfreunde. Ich durfte selbst erleben, wie Kinder sich an den Schachfiguren aus unterschiedlichen Kulturen ergötzten. Mit Ehrfurcht standen sie vor dem Schachspiel aus Pappe, dass während der Blockade von Leningrad hergestellt wurde.

In dem geschichtsträchtigen Gebäude ist neben dem Schachmuseum auch der Russische Schachverband zu Hause. Die Museumsbesucher kommen aus Moskau, Russland und aus allen Teilen der Welt, wie der Blick ins Gästebuch verrät. Um das Schachmuseum in Moskau zu besuchen, muss  man sich vorab anmelden. Sobald man die Eingangstür hinter sich geschlossen hat, taucht man in eine neue Welt ein, fernab vom hektischen Treiben der Großstadt. Das Foyer vermittelt Wohlfühlatmosphäre und lässt den Glanz des Hauses schon erahnen.

Die Schachausstellung zeigt anschaulich die Symbiose von Kunst, Kultur und Sport. Man findet historische Schachsets, kunstvolle Schachsets aus vielen Ländern, historische Schachbücher, Gemälde mit Schach als Künstlerthema, verschiedene Schachuhren, den ersten sowjetischen Schachcomputer und diverse Pokale von Welt- und Europameisterschaften sowie von Schacholympiaden. Ein Höhepunkt für die Museumsbesucher ist die Zeitreise zur legendären Schachweltmeisterschaft zwischen Anatoli Karpow und Garri Kasparow 1984. Es ist gestattet, sich auf einen der Stühle zu setzen und sich ganz groß zu fühlen. Wer schon einmal einen Rundgang machen möchte, sieht sich die Führung (in russischer Sprache) .

Die Ausstellung zeigt, dass die Menschen Schach als einen Ort für freies Denken ansehen. In schwierigen Zeiten, Krieg oder Gulag, schöpften sie Kraft und Zuversicht aus dem Schachspiel. Es stellt sich die philosophische Frage, warum Schach die Jahrhunderte überdauerte und heute einer der ältesten Spiele der Menschheit mit weltweiter Verbreitung ist?  Sogar ins Weltall stieß das Schach  vor!

Für die Kosmonauten wurde eigens ein  weltall-taugliches Schach entwickelt. Um die Figuren nicht beliebig über das Schachbrett schweben zu lassen, muss der Fuß auf dem jeweiligen Schachfeld einrasten. 1970 spielten Witali Sewastjanow und Andrijan Nikolajew (Raumschioff Sojus 9)  gegen das Bodenpersonal im Kontrollzentrum die erste Partie Fernschach „Weltall – Erde“.  Das Match endete unentschieden.  Weil Magnete im Fuß der Schachfiguren wegen der Empfindlichkeit der Messgeräte nicht in Frage kamen, schuf der Ingenieur Klewzow für die Kosmonauten ein besonderes Schachbrett (siehe Foto). Witali Sewastjanow wurde 1977 an die Spitze des sowjetischen Schachverbandes gewählt und war bei der FIDE Mitglied. Ein Hobby-Historiker fand heraus, dass Sewastjanow 1976 in Grimma gewesen sein musste, was sicherlich auch den dort ansässigen Schachverein SV 1919 Grimma mit Stolz erfüllen wird.

Das Video auf Youtube gibt einen lebendigen Eindruck zu „Schach im Weltall“. Die NASA-Astronauten Greg Johnson und Greg Chamitoff spielten 2011 gegen ein Team auf der Erde.

Weitere Impressionen aus dem Schachmuseum in Moskau: 

Das Schachset „Eishockey“ verbindet zwei herausragende Sportarten in Russland. In Deutschland könnte man über Fußball auf dem Schachbrett nachdenken. Es lobten deutsche Spieler und Trainer, dass Schach eine gute Vorbereitung hinsichtlich strategisches Denken und Entschlussfreudigkeit ist. Vielleicht findet sich ein Künstler, der DFB und DSB auf dem Schachbrett zusammenbringt.

Den Kunst- und Kulturinteressierten bieten sich in Moskau unzählige Möglichkeiten. Mein Geheimtipp sind die Fotoausstellungen im MAMM (Multimedia Art Museum Moscow), was in der Nähe vom Schachmuseum ist. Das MAMM hat für deutsche Verhältnisse sehr lange und angenehme Öffnungszeiten, nämlich bis 21 Uhr. 2009 stellte Andrej Gordasewitsch seine Fotos unter dem Titel „24 Stunden Schach“ aus.

Quelle: vogtland-schach.de 26.06.2019 Foto: Frank Bicker